Aufklärung, Hörbeeinträchtigung

Sensibilisierung


Strassenschild, Hinweis, Richtung

Liebe Leserinnen und Leser, vor einiger Zeit habe ich bereits geschrieben, dass ich als Moderatorin für eine Organisation von und für Menschen mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung Workshops gebe. Diese Organisation organisiert u.a. Sensibilisierungsprojekte für Erwachsene und auch an Schulen.
Inzwischen hatte ich bereits die Gelegenheit, mehrere Workshops für Erwachsene zu geben, die hauptsächlich im Dienstleistungsbereich arbeiten. Das ist etwas, was ich besonders gerne mache.

Diesmal war ich an der Reihe, einer Schulklasse von 9- bis 12-Jährigen eine Gaststunde zu geben. Diese Gaststunde war eigentlich schon vor fast einem Jahr geplant, wurde aber von COVID-19 verschoben. Gestern war dann endlich der Tag.
Da ich selbst keine Kinder habe und kaum Erfahrung mit Kindern im Allgemeinen, geschweige denn pädagogische Erfahrung, bereitete ich mich gründlich auf diese Tätigkeit vor.
Bewaffnet mit einem Plan, versehen mit genügend Abwechslung, eigener Erfahrung, ein wenig Theorie, einem kurzen Videofilm, einigen Fragerunden und mitgebrachten Gegenständen zur Visualisierung des Ohres und verschiedener Hilfsmittel, ging ich nervös los. Würde es mir gelingen, die Aufmerksamkeit der Kinder zu bekommen und zu behalten? Wäre ich in der Lage, ihnen zu vermitteln, wie es ist, schwerhörig zu sein? Und, nicht die geringste meiner Sorgen, wie würden die Kinder auf mich und meine Geschichte reagieren?

Ich bin pünktlich losgefahren und kam auch pünktlich an der Bushaltestelle an, von der aus die Schule ca. 5 Minuten Fußweg entfernt war, aber zunächst konnte ich die Schule nicht finden. Mit etwas Hilfe meiner Kontaktperson bei der Organisation schaffte ich es schließlich, gerade noch rechtzeitig zum Klassenzimmer zu kommen. Dieser Stress führte aber dazu, dass ich mich nicht gerade entspannt fühlte.
Mit einem „Na dann viel Glück“ legte ich gleich los und anscheinend bemerkte niemand meine Nervosität, außer mir.
Nachdem ich mich mit Gebärden und ohne Stimme vorgestellt hatte, fuhr ich ohne Gebärden und mit der Stimme fort und erzählte etwas über mich. Dann kamen die Fragen. Eine Menge Fragen und vor allem gute Fragen. Die Kinder erwiesen sich als sehr neugierig und interessiert an dem, was ich ihnen zu erzählen hatte. Meine Geschichte und die Abwechslung schienen gut anzukommen und sie liebten die Gegenstände, die ich mitgebracht hatte, wie meinen Vibrationswecker, den sie in einer Pause anschauen und ausprobieren durften.
Die Gaststunde verging sehr schnell und von Ungeduld, Aufregung oder Desinteresse war zum Glück keine Spur.

Noch heute spüre ich die Erleichterung, dass alles gut gegangen ist. Nur wenig ist damit zu vergleichen, als Laie 15-20 Paar kritische und ehrliche Kinderaugen auf sich gerichtet zu haben. Erleichterung, auch besonders angesichts meiner Angst vor öffentlichem Reden, mit der ich mein ganzes Leben lang zu kämpfen hatte. Blackouts, völlig durchdrehen, Lampenfieber, sich einfach nicht trauen, alles als Folge des Mobbings während meiner Schulzeit.
Nach meiner Schulzeit habe ich viel, sehr viel, getan, um diese Angst zu überwinden. Von Kursen „Sprechen in der Öffentlichkeit“, bis zur bewussten Suche nach Gelegenheiten, dies zu tun. Mit dem Herz in der Kehle, das heißt.
Heute kann ich mit Sicherheit sagen, dass mit dieser gestrigen Gaststunde ein nun fast 35-jähriger Weg der langsamen Selbstüberwindung beendet und gekrönt wurde. Das macht mich ein wenig stolz.

Haben Sie Angst, offen über Ihre Hörbeeinträchtigung zu sprechen, davor, wie die Menschen um Sie herum reagieren werden? Fangen Sie an, darüber zu reden. Am Anfang ist es immer schwierig, aber Sie werden sehen, dass es immer einfacher wird, denn es ist noch kein erfahrener Meister vom Himmel gefallen.

Standard
ablesen, Hörbeeinträchtigung, schwerhörig

Beleidigt


Liebe Leserinnen und Leser, in meiner Laufbahn als hörbeeinträchtigter Mensch habe ich schon viel erlebt und auch von vielen Erfahrungen gelesen, die Sie als Leser teilen. Dass mich Situationen immer noch schockieren, hat also etwas zu bedeuten. Gestern war so ein Moment.

In der Schweiz sind seit dem 1. März die Geschäfte wieder geöffnet. Um möglichst wenig einkaufen zu müssen, bin ich gestern gleich in mehrere Geschäfte gegangen, damit ich alles in einem Rutsch erledigen konnte.
Eines meiner Ziele war ein lokaler Juwelier/Goldschmied. Hier wollte ich mich nach den Möglichkeiten und Kosten für eine Schmuckreparatur erkundigen. Beim Betreten des Ladens fiel mir sofort auf, dass ich den Juwelier nur sehr schwer verstehen konnte. Das lag nicht nur an der Mundschutz, sondern auch am Dialekt und an der Geschwindigkeit, mit der er sprach.

Deshalb fragte ich ihn höflich, ob der Juwelier bitte deutlicher sprechen könnte, weil ich schwerhörig bin und es so schwer sei, ihn zu verstehen. Die Reaktion des Juweliers war „Warum? Ich rede, wie ich rede!“ Daraufhin fragte ich ihn noch einmal, ob er etwas deutlicher sprechen könne, da ich ihn aufgrund meiner Hörbeenträchtigung kaum verstehen und auch nicht ablesen konnte. Der Juwelier antwortete mit einem beleidigten „Dankeschön …!“
Nun hätte ich natürlich auch auf andere Weise reagieren können:

  • nochmals erklären, dass ich schwerhörig bin und Schwierigkeiten habe, undeutliches und schnelles Reden zu verstehen.
  • mich entschuldigen und darauf hinweisen, dass ich das nicht gefragt habe, um ihn zu beleidigen, sondern …
  • eine Szene machen und dem Mann sagen, dass er mich als Kunden unfreundlich und verständnislos behandelt.
  • aus dem Laden gehen, ohne etwas zu sagen.

In diesem Moment stand mein Kopf jedoch nicht nach einer diesen Optionen. Zum Teil, weil ich derzeit keine Energie für Diskussionen oder Konflikte aufbringen kann. Zum Teil, weil ich der Meinung bin, dass die Plumpheit und das Unverständnis des Mannes nicht mein Problem sind und ich das auch nicht zu meinem Problem machen will.
Ich habe daher seine Reaktion völlig ignoriert, meine Frage gestellt und die Antwort mit viel Mühe und der Bitte um Wiederholung verstanden. Dass ich den Laden ohne Ergebnis verlassen habe, lag in diesem Fall wohl nicht an der Kommunikation.

Habe ich es mir selbst schwer gemacht mit meiner Entscheidung, seine Reaktion zu ignorieren? Einerseits ja, denn ich musste mich ziemlich anstrengen, um den Mann zu verstehen. Andererseits, nein, denn eine Diskussion mit diesem Mann hätte nichts gebracht und mich noch mehr Energie gekostet.
Die einzige Lösung ohne Aufwand für mich wäre gewesen, den Laden sofort zu verlassen. Das hätte ich natürlich auch tun können, aber das wäre zu meinem eigenen Nachteil gewesen, denn ich hätte immer noch keine Antwort auf meine Frage gehabt und dieser Juwelier war der einzige, der mir diese Antwort geben konnte. Für mich wog eine Antwort zu diesem Zeitpunkt schwerer. Das war meine eigene Entscheidung.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass dies zeigt, dass Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung immer noch auf Unverständnis stoßen und hart arbeiten müssen, um besser zu informieren.
Für den Moment ist dieser Vorfall ein Anstoß für mich, mit meinem Blog und anderen Aktivitäten weiterzumachen.
Oh, und habe ich schon erwähnt, dass ich auf jeden Fall nicht zu diesem Juwelier zurückkehren werde?

Standard
Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung, schwerhörig

Die verlorene Batterie


„Nein! Nein, nein und nochmals nein!“

Fassungslos starre ich auf meine leere Hand, in der sich noch vor wenigen Augenblicken eine hübsche kleine, knopfförmige, silberne Batterie befand. Ich, eine Frau mittleren Alters, die seit ihrem 18. Lebensjahr Hörgeräte trägt, eine Veteranin im Wechseln von Hörgerätebatterien, habe meine neue Batterie auf den Boden einer belebten Straßenbahn fallen lassen. Sie denken jetzt vielleicht: „Dann besorg dir doch eine andere.“ Ja, da hätten Sie recht, wenn dies nicht die letzte Batterie in meiner Handtasche gewesen und ich nicht in einer Schule zu einer Gaststunde erwartet worden wäre.

Als Moderatorin einer Organisation von und für Menschen mit Behinderung, gebe ich im Rahmen eines Sensibilisierungs-Projekts regelmäßig Workshops für Menschen, die im Dienstleistungssektor arbeiten. Auch halte ich Gaststunden an Schulen. Ich spreche über meine Hörbeeinträchtigung, beantworte Fragen und versuche, die Berührungsängste und Vorurteile gegenüber hörbeeinträchtigten Menschen abzubauen.

Leider habe ich heute Morgen, bevor ich losgegangen bin, vergessen zu überprüfen, wie viele Batterien ich noch dabeihabe, mit dem Ergebnis, dass ich nun an einem Ohr batterielos durch den Tag kommen muss. Nach Hause zurückkehren, um neue Batterien zu holen, ist keine Option, denn ich bin jetzt schon fast an meinem Ziel. Da ich hier fremd bin und keinen Akustiker in der Nähe weiß, kommt auch der Kauf von Batterien nicht in Frage. Ich fühle mich dumm und machtlos, schaue wieder auf den Straßenbahnboden, als würde die Batterie plötzlich wieder auftauchen und grinsend „Hallo, war nur ein Scherz, ich bin wieder da!“ rufen. Natürlich nicht, sie ist klein und rund, rollt in alle Richtungen oder versteckt sich. Meine Batterie ist und bleibt weg.

Mein Körper ist in Aufruhr, mein Blutdruck ist im Moment bestimmt zu hoch und diesmal nicht wegen der Wechseljahre! Ich kann nicht mehr ruhig denken, Fragen schwirren mir durch den Kopf. Warum muss mir das jetzt passieren? Was soll ich nun tun? Wie kann ich jetzt noch meine Gaststunde durchführen? Werde ich vor der Klasse nicht wie ein Idiot dastehen? Unkonzentriert blicke ich auf den Bildschirm mit den Haltestellen vorne in der Straßenbahn. An der nächsten Haltestelle muss ich aussteigen, sehe ich noch rechtzeitig. Ein letztes Mal schaue ich noch auf den Boden. Nein, keine Batterie.

Als ich das Klassenzimmer der Klasse betrete, in der ich meine Gaststunde halten werde, sehe ich, dass Kees bereits damit beschäftigt ist, einen Beamer auf ein Stativ zu stellen.
„Guten Morgen“, begrüße ich ihn, ein wenig bedrückt und nicht so fröhlich wie sonst.
„Hey, guten Morgen!“ Er dreht sich zu mir um. „Was ist los mit dir? Nervös?“
Natürlich verstehe ich ihn mit einem Ohr nicht, lese aber die Frage in seinen freundlichen Augen. Kees ist der Koordinator des Sensibilisierungs-Projekts und ist immer bei Workshops oder Gaststunden seiner Moderatoren dabei. Er kümmert sich gut um uns, unterstützt uns, wo er kann und gibt immer gutes Feedback. Ich mag ihn sehr.

„Ich habe gerade meine letzte, funktionierende Batterie in der Straßenbahn verloren, als ich sie gegen eine leere Batterie tauschen wollte. Jetzt habe ich keine Batterien mehr und höre fast nichts mehr auf dem rechten Ohr“, informiere ich ihn. „Wie soll ich jetzt meine Gaststunde durchführen? Das geht so nicht!“
Kees muss die Verzweiflung in meiner Stimme hören, denn er sieht mich beruhigend an. Ich lese sogar einen Schimmer von Humor in seinen Augen.
„Ist das nicht genau das, was Studenten von jemandem mit einer Hörbehinderung erwarten? Dass diese Person sie nicht oder nur schwer versteht? Mein Rat? Halte einfach deinen Vortrag wie geplant. Ich werde dich bei den Fragen unterstützen.“

Im Moment habe ich definitiv eine Beeinträchtigung! Ohne Batterie kann ich mit dem rechten Ohr kaum was verstehen! Da ich das Glück habe, mit meinem Restgehör und beiden Hörgeräten noch einigermaßen gut zu funktionieren, bin ich das tagsüber nicht gewohnt. Und das Schlimmste ist, dass ich meine Zusatzgeräte, ein Mikrofon und einen Empfänger, nicht benutzen kann, weil sie über Bluetooth mit den funktionierenden Hörgeräten verbunden sind. Ich fühle mich hilflos, furchtbar unsicher und möchte am liebsten weglaufen.

Doch dann kommen die ersten Schüler und gibt es keinen Weg zurück. Als die Lehrerin der Klasse auf mich zukommt, um mich zu begrüßen, erkläre ich ihr kurz meine Situation. Sie zeigt Verständnis. „Wie kann ich helfen?“, fragt sie.
„Könnten Sie vielleicht während der Fragerunden alle Fragen für mich an die Wandtafel schreiben?“
Meine Kreativität kommt zum Glück wieder ein wenig in Schwung.

Etwas beruhigt beginne ich meinen Vortrag. Zuerst gebärde ich einen Satz ohne Stimme und die Schüler dürfen raten, welchen Satz ich gerade gebärdet habe. Dann stelle ich mich vor und erzähle von meinen vielen Mittelohrentzündungen, die zu meiner ersten Schwerhörigkeit führten, dann vom Weg zu meinem ersten Hörgerät, meiner plötzlichen weiteren Verschlechterung des Gehörs, die dazu führte, dass ich von mittelschwer bis hochgradig schwerhörig eingestuft wurde, und von meinen Erfahrungen danach.
Bei der ersten Fragerunde signalisiert Kees der Lehrerin, dass sie sitzen bleiben kann, und er es ist, der die Fragen für mich aufschreibt. Zum Glück funktioniert das gut! Die Klasse ist interessiert und ich habe viele Fragen zu beantworten. Die Lehrerin sorgt dafür, dass die Fragen nacheinander gestellt werden. Langsam spüre ich, wie mein Selbstvertrauen zurückkehrt.

Als ich mit meinem Theorie angefangen habe, merke ich plötzlich, dass etwas meinen Kopf berührt. Ein Stück Papier fällt mir zu Füßen. Ich schaue mich in der Klasse um und beobachte hier und da Gekicher. Die Lehrerin schreibt etwas auf einen Notizblock auf dem Tisch vor ihr und bemerkt nichts. Ich traue mich nicht, Kees anzuschauen, aus Angst, meine Konzentration komplett zu verlieren. Ich beschließe, das Stück Papier zu ignorieren und fortzufahren. Als ich merke, dass erneut etwas meinen Kopf berührt, höre ich mitten in meinem Satz auf.
„Es gibt noch andere Wege, meine Aufmerksamkeit zu bekommen“, scherze ich, aber der Schweiß läuft mir über den Rücken hinunter und meine Hände sind nass. Die Lehrerin schaut von ihren Notizen auf. Ich nehme einen der beiden Papierknäuel in die Hand und zeige ihn ihr und der Klasse.

„Wer war das?“ Verärgert schaut die Lehrerin ihre Schüler an. „Joop, du?“ Joop leugnet in allen Tönen. Sein Blick schweift zu einem Mädchen mit langen dunklen Haaren und einem schmalen rosafarbenen Gesicht.
„Janneke?“ Schuldbewusst senkt Janneke ihren Augen. Sie sagt nichts. „Warst du das?“, fragt die Lehrerin Janneke jetzt eindringlicher. Jannekes Wangen werden rot.
„Ich möchte, dass du dich sofort entschuldigst und dann zum Rektor gehst. In der Pause werde ich ihn fragen, ob du bei ihm warst.“ Eisig schaut die Lehrerin Janneke an. Janneke steht langsam auf und geht zur Tür. Ich höre nicht, ob sie sich entschuldigt, aber sie verlässt das Klassenzimmer mit gesenktem Kopf. Jeder kann jetzt eine Stecknadel fallen hören. Dann sagt die Lehrerin laut und deutlich und schaut mich an, so dass ich von ihren Lippen ablesen kann: „Ich schäme mich für euch!“
Ich nicke ihr beruhigend zu und deute an, dass ich mit meinem Vortrag fortfahren möchte. Die restliche Zeit bleibt es ruhig.

In der letzten Fragerunde wird zögernd die „Frage aller Fragen“ gestellt: „Ziehen Sie ihre Hörgeräte beim Sex aus oder nicht?“ Ha, Teenager! In dieser Altersgruppe, den 11- bis 12-Jährigen, gibt es meist einen unter ihnen, der sich traut, diese Frage zu stellen. Die Lehrerin ist schockierter als ich. Diese Frage stört mich gar nicht und ich grinse.
„Was würdest du tun, wenn es in deinem Ohr so richtig quietscht?“, gebe ich die Frage an die Schüler zurück. Ich sehe, wie die Schüler einen Moment lang aufgeregt miteinander diskutieren, dann ergreift der Fragesteller wieder das Wort.
„Ich würde sie ausziehen!“ Richtig. Eine weitere Antwort erübrigt sich, und ich zwinkere dem Fragesteller, einem gutaussehenden Jungen mit dunklem, gewelltem Haar, Jeans und einem dunkelblauen Pullover, fröhlich zu.

Erleichtert sammle ich meine Sachen ein. Die Lehrerin bedankt sich bei mir, entschuldigt sich noch einmal für den Zwischenfall und teilt mir mit, dass sie die Gaststunde mit den Schülern auswerten und Janneke für ihr Verhalten noch einmal zur Rechenschaft ziehen wird.
„Ich habe keine Ahnung, was mit ihr los ist, gestern hatte sie in der Klasse einen Streit mit ihrer besten Freundin. Da muss etwas nicht stimmen, denn normalerweise ist sie eine nette, ruhige und freundliche Schülerin. So kenne ich sie gar nicht“, seufzt sie. Sie hat bestimmt keinen einfachen Job.
„Es lag bestimmt nicht an Ihnen oder Ihrer Geschichte, ich kenne meine Pappenheimer und die waren wirklich fasziniert und interessiert.“
Nun kenne ich ihre Schüler nicht, aber ich hatte den Eindruck, dass sie mir, abgesehen von dem Zwischenfall, aktiv und interessiert zugehört haben. Und die vielen Fragen zeigten durchaus Interesse. Ich nehme ihre Entschuldigung an und wünsche ihr viel Kraft mit Janneke.

Als er mit dem Aufräumen fertig ist, zieht Kees meine Aufmerksamkeit auf sich, indem er mir zuwinkt.
„Hey, was denkst du über die heutige Stunde?“, fragt er.
„Besser als ich es mir erhofft hatte, auch ohne Batterie! Und wie war dein Eindruck?“
Kees streckt zwei Daumen hoch.

Standard
Hörbeeinträchtigung

Die Schokoladenfabrik


Liebe Leser und Leserinnen, zuerst wünsche ich Ihnen alles Gute und gute Gesundheit im neuen Jahr.
Da ich 2021 mal anders beginnen wollte, können Sie jetzt eine Kurzgeschichte lesen.
Ich wünsche Ihnen viel Lesespaß dabei und würde mich über Rückmeldungen freuen.

Die Schokoladenfabrik

Das Mädchen geht Hand in Hand mit ihrer Mama die Straße entlang. Sie gehen an dem Gebäude vorbei, in dem die Kakaobohnen geröstet werden, um später Schokolade herzustellen. Sie weiß das, weil der Name auf dem Gebäude auch auf der Packung Schokoladestreusel zu Hause steht. Sie nennt das Gebäude die „Chololade-Fabrik“. Ein scharfer, süßer Geruch reizt ihre Nase.
„Mama, kann ich später ein Eis haben?“, fragt sie.
„Es ist jetzt ein bisschen kalt für ein Eis“, denkt Mama.
„Aber wenn wir zu Hause sind, bekommst du ein Bonbon, okay?“
Zufrieden nickt sie und hüpft neben Mama her.

Sie betreten den Altbau über eine große, breite Treppe. Wenn sie reinkommen, riecht es unheimlich. Sie hält Mamas Hand fest umklammert. Mama geht weiter und bleibt in einem Raum stehen, in dem nur Stühle und ein paar Tische stehen.
„Geh und such dir einen Platz, ich sage ihnen, dass wir da sind“, sagt Mama zu ihr.
Sie geht über die schwarz-weißen Marmorfliesen zu zwei Stühlen, auf denen niemand sitzt. Als sie sich hinsetzt, legt sie ihre Hand auf den leeren Stuhl neben sich. Für Mama.
Mama kommt schon angelaufen und setzt sich neben sie.
„Wir sind schnell dran“, sagt Mama beruhigend.
Sie schaut sich um und sieht die roten, weinenden Gesichter der anderen Kinder. Sie wird unruhig.
„Ich bin doch nicht krank, oder, Mama? Ich habe keine Schmerzen.“
„Nein, Schatz, das ist nur Kontrolle. Alles, was der Arzt tun muss, ist in deine Ohren zu schauen. Dann gehen wir nach Hause“, antwortet Mama leise.
Dann ruft eine Stimme ihren Namen.
„Das sind wir“, sagt Mama und steht auf.
„Komm schon.“


Als sie den Raum betreten, reicht der Arzt den beiden die Hand.
„So, du kannst dich auf den großen Stuhl setzen und Mama auf den Stuhl da beim Fenster“, sagt der Arzt mit seiner tiefen Stimme. Sie kennt ihn von anderen Besuchen. Er rollt seinen Bürostuhl auf sie zu und steckt ihr ein Gerät in die Ohren.
„Nun, da ist Flüssigkeit hinter dem Trommelfell, die müssen wir entfernen.“
„Nein, nicht doch! Sie hat keine Beschwerden, also dachte ich, es wäre alles in Ordnung“, sagt Mama ein wenig erschüttert.
„Die Flüssigkeit ist jetzt nicht entzündet, aber um das zu verhindern, will ich sie trotzdem lieber entfernen.“
„Du wirst nichts spüren. Wir geben dir einen leichten Narkose und dann ist es vorbei“, sagt der Arzt beruhigend zu ihr.
„Gehst du mit der Schwester“, sagt der Arzt.
„Und Mama kann im Wartezimmer warten.“
Die Krankenschwester kommt schon heran gelaufen und nimmt sie bei der Hand.
„Komm“, sagt sie.
„Wir sind schnell fertig.“
Verängstigt schaut sie Mama an.
„Komm, ich sehe dich gleich“, nickt Mama ihr aufmunternd zu.
Dann geht sie Hand in Hand mit der Schwester in ein anderes Zimmer.
„Leg dich schon mal auf den Tisch“, sagt die Schwester.
Als sie sich hinlegt, sieht die Schwester ihr Armband.
„Was für ein schönes Armband du trägst“, sagt die Schwester bewundernd.
Stolz zeigt sie alle kleine Anhänger, die an dem Armband baumeln, und sie zählen schnell, wie viele es sind.
Dann ergreift die Schwester die Narkose Haube und stülpt sie über ihre Mund und Nase. Ihr packt der Panik.
„Jetzt sei mal tapfer“, fordert die Schwester sie auf.
Die Haube stinkt nach Teer und in iher Panik versucht sie, sie mit den Händen vom Gesicht zu schieben.
„Nein, nicht wegschieben! Du bist schon ein großes Mädchen, zähl einfach mal bis 10, das kannst du bestimmt schon“, sagt die Schwester.

Eins, zwei, drei, vier, fünf …..

Als sie aufwacht, liegt sie auf einem schmalen hohen Bett in einem weißen Raum. Mama sitzt auf einen Stuhl neben sie.
„Ah, gut, du bist wieder wach“, sagt Mama erleichtert.
„Es ist wieder vorbei. Wir fahren gleich schön nach Hause, ich habe schon ein Taxi bestellt.“
Das Taxi bringt sie nach Hause und zu Hause muss sie von Mama ins Bett. Sie ist müde und ihr ist ein bisschen übel von der Narkose.
Als sie die Augen wieder öffnet, betritt Mama gerade ihr Zimmer mit einer Tasse Tee und Keksen.

Die Frau geht die Straße entlang. Sie kennt den Weg, ihre Füße folgen ihm intuitiv. Die Schokoladenfabrik gibt es schon lange nicht mehr. Das Krankenhaus hat bereits zweimal einen neuen Namen und eine neue Adresse erhalten.

Trotzdem riecht sie immer noch den scharfen, süßen Geruch von gerösteten Kakaobohnen.
Wie beim Geruch von frisch geteertem Asphalt, sie sich sofort wieder verwandelt in das Mädchen, das mit den Händen versucht, die Haube im Gesicht weg zuschieben.
Ihre Mama ist längst ergraut. Sie hat sie mal gefragt, wie sie es schaffte, im Krankenhaus immer so ruhig zu bleiben.
Mama sagte ihr dann, dass sie lieber mit ihr geweint hätte, es täte ihr so leid. Aber sie unterdrückte dies, weil sie Angst hatte, sonst nicht beim Arzt hineingehen zu dürfen, wie es bei anderen Mütter manchmal der Fall war.
Als sie die Augen schließt, sieht sie, wie Mama mit einer Tasse Tee und Keksen in ihr Zimmer kommt.

Standard
Hörbeeinträchtigung, Hyperakusis, Tinnitus

„Marga hört zu viel!“


Hyperakusis, Überempfindlichkeit gegen Lärm, ist allgemein weniger bekannt als Tinnitus, aber es gibt viele Menschen, die mehr oder weniger stark darunter leiden.
In diesem Rubrik «Marga hört zu viel!»  schreibt Marga van Hintum regelmässig über ihre Erfahrungen mit Hyperacusis.

spices-541970_1280

Jugenderinnerung ohne Muskatnuss
Kochen, das mache ich gerne. Das habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Ich würde gerne etwas Neues ausprobieren. Selbst alte Favoriten erscheinen manchmal auf dem Tisch. Rütteln mit den Pfannen und Topflöffeln, aber natürlich so leise wie möglich. Wegen der Hyperakusis *, die mich zwingt, ab und zu Maßnahmen zu ergreifen. Aber dieses Kochen, das tue ich gerne, und es ist sehr schön, das Ergebnis danach zu essen. Zusammen mit meiner Liebsten.
Früher, als Kind, habe ich nie gekocht. Das tat meine Mutter, die immer zu Hause war. Wer hatte den Tee fertig, als wir, die Kinder, aus der Schule kamen? Diese liebe Mutter, die im Haus Karriere machte. Unter anderem zwei Kinder großziehen. Schönes Kochen und Backen. Und auch einen riesigen Garten zu pflegen, ein großes Haus sauber zu halten und nicht zuletzt tagsüber im Laden zu Hause zu sein, weil Mann-lieb ausserhalb des Hauses arbeitete.
Ach ja, die Kleidung, die hat sie alle selbst gemacht. Ein Hobby? Sie hatte keins. Aus dem einfachen Grund, weil sie einfach nicht die Zeit dafür hatte. Was meinen Sie damit, Hausfrauen hätten nichts zu tun?
Meine Mutter gab mir das Gen für das Kochen und das Gartengen, glaube ich. Vielen Dank, Ma! Meine Mutter und ich kochen jedoch ganz anders. Das ist natürlich nicht so merkwürdig, da wir einer anderen Generation angehören. Die Zeit geht weiter.

Mit einem Brei
In den 1960er Jahren wurden alle Gemüsesorten zu Brei gekocht, der mit einem festen Stich versehen war. Den Begriff Pasta gab es noch nicht. An Samstagen bekamen wir gelegentlich Makkaroni. Das war damals revolutionär. Wir kannten weder Brokkoli noch Avocado. Sie waren wahrscheinlich da, aber für eine einfache Mittelklassefamilie waren sie viel zu teuer.
Meine Mutter backte am Wochenende ein Rosinenbrot, das auch ein regelmäßiger Snack war. Und hin und wieder gab es Apfelkuchen, selbstgebacken. Aber nicht jede Woche. Wir hatten nicht diese Art von Luxus. Noch nicht.
Mit dem Blumenkohl kam ein Brei aus Butter, Mehl und Milch. Mit Muskatnuss, weil das dazugehörte. Auch mit den grünen Bohnen, Lauch, Chicorée, Rüben und Kohlrabi. Neben den Salzkartoffeln und dem Fleischstück. Und am Freitag gab es Fisch, guter katholischer Brauch. Ich erinnere mich lebhaft daran.

Und die Muskatnuss?
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich über die Menüs in unserem Haus nachgedacht. Über das vergessene Gemüse, wie wir es heute nennen. Schwarzwurzel, von der Sie solche schwarzen Hände haben. Ich habe es selbst nie geschafft. Rüben und Kohlrabi, die ich in meiner eigenen Kochkarriere auch nie zubereitet hatte. Also bat ich meine Liebste, so etwas mitzubringen. Und so geschah es.
Es lag Kohlrabi auf dem Tisch. In kleinen Würfeln. Jetzt al dente gekocht. Dieser Brei aus alten Zeiten, der kocht, das wurde mir ein bisschen zu nostalgisch. Aber mit einem Brei. Reine Nostalgie.
Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich gelernt habe, den Brei zuzubereiten. Ich habe nie zu Hause gekocht. Das habe ich gerade geschrieben. Das ist aber nicht ganz richtig. So gut wie nie. Eines der wenigen Male, die ich zu Hause kochte, war dem Brei gewidmet.
Diesen Brei, dessen Zubereitung ich zuerst lernen musste, dachte meine Mutter. Bevor ich als junge Erwachsene in die weite Welt hinausgehen würde. Schritt für Schritt führte sie mich zu einer perfekten „Mehlschwitze“ . Das Tüpfelchen auf dem Kuchen war ein großes Stück Muskatnuss. Was ich als Kind überhaupt nicht mochte. Ich erinnere mich lebhaft daran. Wie wäre das als Erwachsener, über 50 Jahre später? Würde sie mir jetzt gut schmecken, die Muskatnuss?
Ich mochte es trotzdem nicht. Einmal, aber nicht mehr. Nächstes Mal mache ich also köstlichen Kohlrabi, mit einem Brei, aber ohne Muskatnuss!

  • Hyperakusis, wörtlich: „Ich höre zu viel“, ist ein Zustand, bei dem Sie überempfindlich auf gewöhnliche Alltagsgeräusche reagieren. „Die Lautstärkeregelung von Umgebungsgeräuschen ist für jemanden mit Hyperakusis permanent zu hoch“ ( Quelle: stichting Hoormij ). Für mich sind vor allem höhere Frequenzen sehr störend und tun mir im Kopf weh. Hyperakusis kommt in vielen Formen vor. Und oft auch in Kombination mit Tinnitus.

Standard
Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung

Um Zug


home-4095022_1280

Liebe Leserinnen und liebe Leser, die letzte paar Wochen war ich nicht online und das hatte einen Grund. Meine Mutter hat von Ihrer Senioren Wohnung in einen Pflegeheim gezügelt und ich war 2 Wochen bei ihr in den Niederlanden um zu helfen.
Die Vorbereitungen und den Umzug selbst und auch die Zeit danach verliefen reibungslos. Mein Bruder und ich haben mit etwas Hilfe fast das ganze Wohnzimmer meiner Mutter ins neue Zimmer unterbringen können und am Abend des Umzugstages sah es recht gemütlich aus.
Die Woche nach dem Umzug waren mein Bruder und ich die ganze Woche voll beschäftigt, die alte Wohnung aufzuräumen und zu schauen was wir behalten wollten und was weg konnte. Eine harte Arbeit, kann ich Ihnen verraten. Nicht nur Physik, sondern auch Psychisch, weil natürlich sehr, sehr viel Erinnerungen hoch kommen bei Gegenständen, Bilder und Dokumenten.
Dazu habe ich täglich meine Mutter in ihrer neuen Wohnumgebung besucht.
Aber wir haben es geschafft und hoffen das unsere Mutter noch welche angenehme und gesellige Tage in ihrer neuen Umgebung verbringen kann.

Weil ich keine Lust hatte auf lange Wartezeiten am Flughafen, vollgepackte Flüge und begrenzte Flugmöglichkeiten, hatte ich mich für meine Reise in den Niederlanden und zurück diesmal entschieden mit dem Zug zu reisen.

Meine Hinreise verlief ohne Probleme. Von Zürich reiste ich nach Frankfurt HB, von Frankfurt HB nach Arnheim und von Arnheim musst ich noch einmal umsteigen. Kaum Verspätungen und alles klappte wie es sollte.
Meine Rückreise aber, war eine ganz andere Sache. Erstens war mein Koffer ein wenig schwerer, weil ich kleinere Sachen zum Mitnehmen eingepackt hatte. Zweitens hatte ich mir blöderweise nach dem Umzug meinen Fuss verstaucht. Diese Kombination war nicht ideal.
Der Anfang war noch in Ordnung. Freundlicherweise vom Nachbarn meiner Mutter zum Bahnhof gebracht, war ich rechtzeitig in Utrecht, von wo ich meine Verbindung nach Frankfurt HB anfangen würde. In Frankfurt HB sollte ich dann umsteigen auf dem Zug nach Zürich HB. Sollte.
Schon kurz nach Abfahrt in Utrecht, wurde klar das meinen Verbindungszug in Frankfurt nicht ab Frankfurt, sondern ab Mannheim fahren würde. Das bedeutete, das ich schon in Frankfurt Flughafen noch mal extra nach Mannheim umsteigen musste. Da ich die Durchsagen nicht verstehe und mein ÖV app mir keine Meldungen anzeigte, der WiFi im Zug haderte, und ich besonders Müde war (das heisst weniger Konzentriert) hat mein Mann mir per Whatsapp im Laufenden gehalten.

In Mannheim hatte mein Zug nach Zürich 45 Minuten Verspätung. Etwa 10 Minuten vor Einfahrt meines Zuges, bekomme ich eine Nachricht meines Mannes: «Gleiswechsel»! Bestimmt durchgesagt aber … Erst dann stand es auch angezeigt auf den Gleisinformationen die ich selbstverständlich regelmässig kontrolliert hatte.
Mit schwerem Gepäck schnell vom einen zum anderen Gleis, und als ich endlich im Zug eingestiegen war, ist der schon sofort abgefahren. Knapp geschafft, aber geschafft.
Dann kam der nächsten Hürde: Kurz vor Freiburg (D) kam der Nachricht das der Zug nicht bis Zürich HB fahren würde, sondern bis Basel HB. Das bedeutete noch mal in Basel nach Zürich umsteigen. Auch hier wurde dies bestimmt in Zug durchgesagt, aber …
Zum Glück wurde diesmal die Fahrplanänderung im Zug zwar spät aber gut visuell angezeigt.
Als ich dann endlich wieder zu Hause angelangte, nach eine Reise von etwa 13 Stunden und 2 Mal extra umsteigen, war ich total fertig vom ständigen Aufmerksam sein.

Ob ich das nächste Mal wieder mit den Zug verreise? Ich denke das sei durchaus möglich. Ehrlich ist Ehrlich, beim Fliegen kann auch vieles schiefgehen und passieren und späte Gate Änderungen sind auch möglich. Und die Durchsagen am Flughafen verstehe ich genau so wenig.
Und trotz Schwierigkeiten bin ich wieder heil nach Hause gekommen, sei es etwas später als geplant. Einen Gepäckträger, unverletzten Fuss, gut funktionierenden WiFi und Apps würde ich aber das nächste mal wohl besonders schätzen 😉

Standard
Hörbeeinträchtigung

Meine Aufgabe


businessman-3036181_640

In den letzten Tagen ist die Welt in den Bann von Massenprotesten, sowohl in den USA als anderswo. Anlass zu diesen Protesten war der Tot vom Afroamerikaner George Floyd.
George Floyd wurde von amerikanischen Polizisten so brutal misshandelt das er daran starb.

Persönlich bin ich aufgewachsen mit der Idee, das jeder Mensch gleich sei, obwohl ich anders erlebt habe: in der Schule wurde ich gemobbt weil ich «anders» war. Viele Mitschülern haben es halt nicht akzeptiert das ich «anders» war und wussten nur durch Mobbing damit umzugehen. Das Dorf wo ich aufgewachsen bin, war damals eher eine geschlossene Gemeinschaft, fast ohne «Aussenseiter». Und was man nicht kennt …. traut man nicht, oder macht unbeliebt.
Rassismus und Diskriminierung sind nicht neu, sondern von allen Zeiten und der Grund ist meistens … das Unbekannte. Als weisser Mensch, kann ich nicht verstehen wie es ist, täglich mit Rassismus konfrontiert zu werden. Jedoch, als offener Mensch, tut mir das Leiden so vielen Menschen weh.

Genau so wie es mir weh tut, das viele Menschen mit einer Beeinträchtigung, Behinderung oder Handicap (wie man es auch nennen möchte) täglich ihren Weg in und durch unsere Gesellschaft kämpfen müssen. Täglich Barrieren auf ihren Weg begegnen. An dieser Stelle möchte ich diejenige Heute auch mal ein grosses Respekt zollen. Egal ob man nun «gut gerüstet», «mit offenem Visier» oder ganz lässig den Alltag entgegentritt, hat man einer Beeinträchtigung, Behinderung oder Handicap, irgendwann und irgendwo trifft man einen oder mehrere Hürde, die es zu meistern gibt.
In der hiesige Gesellschaft ist alles schneller und näher, unter anderem durch die sozialen Medien, und nehmen die Menschen sich kaum noch Zeit zum (selbst)Reflektieren, stellen sich kaum noch die Frage «wer bin ich und wie stehe ich in dieser Gesellschaft?».

Schon seit Jahren versuche ich Menschen über das Leben mit einer Hörbeeinträchtigung zu Informieren, einerseits das «Unbekannte» bekannter zu machen damit der Akzeptanz grösser wird.
Andererseits versuche ich zu zeigen, das hörbeeinträchtigte Menschen nicht nur fordern sollten, sondern auch ihre Eigenverantwortung haben und sie zu mehr Selbständigkeit zu ermutigen.
In diesem Sinne, habe ich langsam meine Aufgabe in dieser Gesellschaft gefunden. Ob ich nun meine Blogbeiträge verfasse, oder meine Sensibilisierung Workshops leite, alles was vorher geschehen ist und was später noch geschehen wird, hat mich zu dieser Aufgabe geführt.
Sogar jetzt, da ich diesen Beitrag schreibe, spüre ich die Bedeutung dieser Erkenntnis.
Wie sich meine Aufgabe künftig noch entwickeln und gestalten wird, steht noch in den Sternen aber das es sie gibt ist mir klar. Und ich wünsche Ihnen, das sie Allen ihre persönliche Aufgabe ebenso entdecken werden.

Auch wenn man etwas nicht verstehen kann, können wir noch Mitgefühl und Respekt haben und zeigen. Auch wenn wir persönlich nichts an Tatsachen ändern können, wir können bei uns selbst anfangen unseren Angst vor dem Unbekannten abzubauen.
In den Sensibilisierung Workshops bemerke ich erst richtig wie das funktioniert. Wenn man offen ist, Selbstbetroffene zu zuhören und zu erfahren was sie brauchen, nehmen Berührungsängste ab und nimmt das Verständnis zu. Und wenn die Augen, sei es auch kurz, mal geöffnet werden, wirkt das auch auf anderen Ebenen durch.

Seien Sie also sicher: Ich verstehe das ich nie verstehen werde. Aber ich stehe neben Ihnen – I understand that I will never understand. However, I stand.

Standard
Akustiker, Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung

„Vom Akustiker gehört“


In dieser Rubrik hält das Akustiker Team Sie auf dem Laufenden in Sache Technik, Beratung, Umgang mit Hörgeräte und persönliche Erfahrungen im Beruf eines Akustikers.

Das Akustiker Team besteht aus 2 Akustikerinnen und Oscar, ihr Mental Coach auf 4 Pfoten.
Heute stellt Oscar, der mental coach, sich vor.

Ich bin Oscar.
IMG_5597

Damit wäre für mich alles gesagt. Heike und Julia haben mir jedoch zu verstehen gegeben, dass diese Angabe möglicherweise für die Leser etwas knapp und mein Vorstellungsblog sehr übersichtlich ausfallen würde.

Ich bin Oscar. Ich lebe im Hier und Jetzt, schnüffle leidenschaftlich und bin einfach gerne mit meinen Menschen zusammen. Im Juni 2020 werde ich 4 Jahre jung und ich gehöre fast mein ganzes Leben lang zum Team Ohrladen Schlieren.

Ich liebe meine Aufgabe als Fitness- und Mentalcoach.

Denn jeder braucht im Leben eine Aufgabe, die er liebt.

Fit sind meine Menschen durch tolle Gassirunden mit mir durch Wald und über Wiesen. Der Part als Mentalcoach ist meine wichtigere Aufgabe. Ich als Hund lebe, wie bereits gesagt, im Hier und Jetzt. Wenn ich Situationen oder Begegnungen erlebt habe, die ich merkwürdig finde, dann schüttle ich mich und schon ist die Welt für mich wieder in Ordnung.

Menschen aber scheinen manchmal mit ihren Gedanken bei vorhin, gestern und bei morgen hängen zu bleiben. Sie vergessen im Moment zu Leben. Doch nur dieser Moment ist wichtig, ihn mit allen Sinnen erleben. Und ich darf sagen, meine Menschen lernen dazu und machen das immer besser. Da mache ich einen guten Job. Ich lerne von Ihnen und sie lernen von mir. Ein wertvoller Austausch.

So spüre ich die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne auf meinem Fell, höre wie der Wind durch das Gras raschelt, ein kleiner Käfer Freudentränen lacht und erschnuppere, was für mich viel interessanter ist, die unterschiedlichsten Dinge. Ich nehme mit meiner Nase wahr, dass eine Katze heute morgen hier den Weg gekreuzt hat und eine attraktive Hündin in 2km Entfernung döst. Ich könnte Euch so viel mehr erzählen, ihr würdet Ohren und Augen aufreissen.

Was ich über Ohren, Hören und Verstehen bereits gelernt habe – davon berichte ich Euch ein andermal.
Jetzt geht es erst einmal los auf die Mittagsrunde durch den Schlieremer Wald. Vielleicht treffe ich dort auf die attraktive Hündin!

Worauf freust Du Dich? Wobei geht Dir Dein Herz auf?

Herzlichst, Euer Labbi Oscar

Standard
Aufklärung, Hörbeeinträchtigung

Hören ist nicht das gleiche wie Verstehen


Beziehung, Frage, Marke, Männlich

Vor einiger Zeit sagte ich den Teilnehmern eines meiner Workshops, dass „Hören nicht das gleiche ist wie Verstehen“. Danach bekam ich die Rückmeldung, dass es beim nächsten Mal besser wäre, diesen Satz etwas mehr zu erklären, da nicht alle diesen Satz verstanden hätten. Als ich darüber nachdachte, konnte ich das natürlich gut verstehen und begann nach Beispielen zu suchen, um diesen Satz zu verdeutlichen.
In diesem Beitrag möchte ich einen genaueren Blick auf die Begriffe Hören und Verstehen werfen und erklären, warum diese Begriffe nicht das gleiche bedeuten.

Hören
Durch unsere Sinnesorgan Ohren können wir hören. Unser Gehirn verarbeitet täglich eine enorme Menge an Klängen, Tönen, Stimmen und Musik. Ein grosser Teil dieses Prozesses ist meist unbewusst. Ein Beispiel ist folgendes: Sie gehen auf der Straße und sind in Gedanken oder sogar im Gespräch mit jemandem. Um Sie herum wird viel geredet und manchmal geschrien, aber Sie nehmen dies nicht wahr. Plötzlich trifft ein Ton in ihrem Inneren, Sie wissen nicht warum, denn Sie haben noch nichts verstanden, aber Ihre Aufmerksamkeit ist geweckt. Sie hören den Ton noch einmal, und dann dringt es plötzlich durch: Jemand ruft Ihren Namen. Sie drehen sich um und sehen einen Bekannten, der Ihnen zuwinkt.
In diesem Beispiel haben Sie höchstwahrscheinlich den Klang Ihres Namens gehört oder aufgefangen, bevor Sie ihn verstanden haben.

Ein anderes, vielleicht etwas einfacheres Beispiel: Sie sind auf einer Geburtstagsfeier, mit vielen Gästen und Hintergrundmusik. Die Gastgeberin fragt Sie, ob Sie etwas trinken möchten. Sie hören und sehen nur, dass die Gastgeberin etwas zu Ihnen sagt, vielleicht sagt Ihnen sogar ihre Haltung, dass das, was sie sagt, eine Frage ist. Aber das war’s, denn Sie hören, aber verstehen nicht, was sie sagt.
Manchmal fragt Sie jemand: „Haben Sie mich gehört?“, wenn er oder sie eigentlich meint: „Haben Sie mich verstanden?

Kurz gesagt, wir können hören und wahrnehmen, ohne zu verstehen und zu begreifen, was gesagt wird.

Verstehen
Unser Gehirn ist so intelligent, dass wir, wenn wir als Kind Wörter hören, in den meisten Fällen lernen, diese Wörter und spätere Sätze zu verstehen. Auf diese Weise lernen wir, dass ein Baum ein Baum und eine Kuh eine Kuh ist, auf diese Weise lernen wir Sprache und später auch das Schreiben. Und selbst wenn wir schlecht oder gar nicht hören können, gibt es die Möglichkeit, die Gebärdensprache mit Hilfe von Gesten zu erlernen. Mit Hilfe von (Gebärden)Sprache und Schrift können wir Menschen einander verstehen und miteinander kommunizieren.

Auch Tiere kommunizieren mit uns, auf ihre eigene Art und Weise, und manchmal können wir sie sogar verstehen. Durch Übung und Verständnis lernen wir zum Beispiel, was unsere Haustiere von uns Menschen wollen (normalerweise essen, trinken und/oder nach draussen gehen). Durch diese Interaktion können wir lernen, sie zu verstehen und mit ihnen zu kommunizieren.
Zum Beispiel hatte ich selbst manchmal ganze Dialoge mit unseren Katzen, die gelegentlich miauten, als ob sie mich verstehen und mir Antworten geben würden.

Wir können einander nicht nur durch Worte, sondern auch durch Gesten oder Körpersprache verstehen. Wenn mein Mann mich zum Beispiel morgens aufweckt, muss er nicht sagen: „Ich habe dich geweckt“ oder „Du musst aufstehen …“, denn das habe ich schon verstanden und begriffen.
Durch Lippenablesen kann ich auch Dinge verstehen, ohne sie tatsächlich zu hören, obwohl eine Kombination aus beidem natürlich immer noch am besten ist.

Kurz gesagt: Verstehen ist nicht das gleiche wie Hören, es ist viel mehr als das.

Mit dieser kurzen, nicht-wissenschaftlichen Erklärung hoffe ich, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, verstanden haben, was ich gesagt – und geschrieben – habe, auch ohne mich gehört zu haben.

Standard