Akustiker, Alter, Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung

Gerät im Ohr


teddy-2845134_1280Quelle: Bild von Myshanah auf Pixabay

Wer kennt noch die süsse und schöne Plüschtiere mit der bekannten Slogan «Knopf im Ohr»?
Schon als junges Mädchen empfand ich eine grosse Liebe zu diesen Plüschtieren. Durch der Knopf im Ohr, wusste ich das sie echt waren und das machte die Liebe noch grösser. Leider aber auch viel teurer und bisher habe ich diese Liebe nur im Schaufenster oder Laden angeschaut.

Neulich kam mir diesen Slogan, Knopf im Ohr, wieder in dem Sinn, als eine Diskussion um die Hörgerätewerbung anfing. In meinem letzten Beitrag, Disklaimer, berichtete ich schon davon und auch in meinem Beitrag Farbe bekennen, habe ich schon mal darüber berichtet.

Der Slogan Knopf im Ohr ist schon sehr alt, aber auch heute assoziieren viele Menschen der Slogan noch sofort mit der Marke (welche ich hier, um auf Werbung zu verzichten, nicht erwähne).
Werbemässig hat man damals schon eine gute Sache gemacht.
Auch heute gibt es bestimmte Werbungen von früher, die mir noch im Gedächtnis geblieben sind. Von der hiesigen Werbungen aber, bleiben nur noch sehr selten, der Werbung wegen, im Gedächtnis hängen: sie sind meistens zu schnell, zu vage, zu lärmig und zu kompliziert.

Dabei könnte eine herausragende und spezifische Werbung für Hörgeräte, bei Musik nennt man das glaube ich Ohrwürmer, viel ausmachen. Eine deutsche Akustikerkette hat, bewusst oder unbewusst, bei der Knopf im Ohr Slogan angeeckt, und hat damit Erfolg, aber auch hier spielt leider das Alter erneut eine Rolle in dieser Werbung.
Es braucht nur ein packender, kräftiger Slogan, die dafür sorgen könnte, das Hörgeräte aus der Tabusphäre kommen, nicht mehr als altmodisch gesehen werden, sondern als etwas altersunabhängiges, etwas modernes und praktisches, was man nicht nur braucht sondern auch gerne trägt und was den ständig fortschreitenden Technik entspricht.

Insbesondere sollte der Schwellenwert für Menschen mit Hörverlust, die der Schritt, zum ersten Mal zu einem Hörgeräteakustiker zu gehen, gesenkt werden.
Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Besuch, vor etwa 35 Jahren. In der Nähe vom Akustikerladen ging ich immer langsamer voran, vor dem Schaufenster blieb ich stehen und zögerte meinen Ladeneintritt hinaus, als ob durch meinen Eintritt und der Anpassung eines Hörgeräts mein Hörverlust endgültig bestätigt wurde und es für mich danach keinen Weg zurück mehr gab. Was natürlich auch stimmte, damals aber noch schwerer zählte als jetzt.

Inzwischen hat sich schon viel verbessert, die Entscheidung, ob ein erstes Hörgerät oder (noch) nicht, müssen heute aber immer noch viele Menschen treffen. Leider wird diese Entscheidung oft noch viel zu lange vorausgeschoben, bis es wirklich nicht mehr geht.

Darum ist es so wichtig, das die Werbung von Hörgeräte und Akustikern nicht zu viel versprechen, sondern realistisch sind, damit man beim ersten Hörgerät, wenn man noch meint dass man mit Hörgerät „die Welt sich wieder öffnet“, nicht enttäuscht wird.
Die Werbung sollte zudem klar machen, dass eine Hörbeeinträchtigung altersunabhängig ist und dass das (erste) Hörgerät genauso akzeptiert werden soll wie die (erste) Brille. Nur dann kann die Zielgruppe der ersten HörgeräteträgerInnen erreicht und dessen Entscheidung für ein Hörgerät schneller getroffen werden.

Nach meiner Ansicht, hat die gesamte Hörgerätewerbung in erster Linie diese soziale Verantwortung, an mehr Akzeptanz, weniger Tabus und Stigmatisierung, beizutragen. Erst dann kommt der Verkauf, weil bei mehr Akzeptanz, mehr Menschen sich (früher) für ein Hörgerät entscheiden werden und der Verkauf sich onehin steigern wird.

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Hörbeeinträchtigung, Hyperakusis, Laut, Tinnitus

„Marga hört zu viel!“


Hyperakusis, Überempfindlichkeit gegen Lärm, ist allgemein weniger bekannt als Tinnitus, aber es gibt viele Menschen, die mehr oder weniger stark darunter leiden.

In diesem Rubrik «Marga hört zu viel!»  schreibt Marga van Hintum regelmässig über ihre Erfahrungen mit Hyperacusis.

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Kaffee mit Lärm
Kaffee, lecker! Ich kann es wirklich geniessen. Ich bin eine echte Kaffeetrinkerin. In Maßen, zugegebenermaßen. Morgens 2 kleine Tassen. Auch am Abend. Eigentlich sollte es besser sein, abends nicht so viel Kaffee zu trinken, aber ich schlafe gut. Und nun, es ist so gut …..

Kaffeegeschichte
Am Anfang stand der Teekessel auf dem Gasherd. Es handelte sich um kochendes Wasser im Teekessel. Kaffeebohnen wurden gemahlen; oh, was für eine herrliche Duft! Und dann mit einem Filter auf einer Kaffeekanne aufgiessen. Wie bei meiner Mutter zu Hause. Obwohl irgendwann mit einer Thermokanne, blieb der Kaffee schön warm.

Dann kam eine Kaffeemaschine mit Filter. Eine hochmoderne Maschine. Von nun an war alles automatisch. Als es gepresst wurde, brüllte es ein wenig. Kaffee fertig!

Wir überspringen ein paar Jahre in der Geschichte des Kaffees. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kam die Pad-Maschine zum Einsatz. Ich habe die Anzeigen nicht sofort verfolgt. Aber irgendwann stand einer in der Küche. Schön und praktisch. Jede Tasse wurde frisch gemacht. Besonders praktisch, denn ich war die einzige Kaffeetrinkerin im Haus.

Auch hier ging alles automatisch. Ich musste nicht einmal mehr den schnellen Filterschliff im Filter stecken! Und ich musste den restlichen Kaffee nicht mehr in einer Thermokanne schütteln. Denn die zweite Tasse wurde wieder frisch gebraut.

Ich töne wie eine Werbeagentur ….

Höllische Maschine
Meine Arbeitsplätze hatten sehr unterschiedliche Kaffeemaschinen. Der eine Kaffee war ziemlich dreckig, weil der Kaffee aus einer Art Sirup hergestellt wurde, verdünnt mit heißem Wasser. Igitt! Aber ein anderer war köstlich, mit frisch gemahlenen Bohnen. Ich war da verwöhnt!

Und dann kam ich für immer nach Hause. Ich habe aufgehört zu arbeiten. Ich habe die Arbeit vermisst. Und ich habe den guten Kaffee vermisst. Nach einer langen Zeit des Überlegens, habe ich vor einigen Jahren die Entscheidung getroffen. Mit Hilfe des Internets hatte ich einen gefunden. Der war es. Ich hatte den am wenigsten lauten Espresso-Vollautomaten seiner Art gefunden. Jetzt kam eine höllische Maschine in der Küche, eine echte vollautomatische. Von einer soliden Marke. Ein Einsteigermodell, zugegeben, aber das sollte den Kaffeegenuss nicht beeinträchtigen. Ich genoss jede Tasse Espresso. Der Geruch von frisch gemaltem Kaffee; ein herrlicher Duft!

Aber oh, was für ein Lärm, den diese Maschine während des Schleifen machte. Und zu denken, meine Maschine war noch am wenigsten laut! Das war der einzige Nachteil, wirklich. Reinigen und Entkalken, das war für mich gar kein Problem. Das habe ich gut und regelmässig gemacht. Aber während des Schleifen musste ich mir die Finger in meinen Ohren stecken! Ich konnte mich nicht an das Geräusch der Schleifmaschine gewöhnen. Für einen Menschen mit gesunden Ohren war das schon eine Menge Lärm, geschweige denn ein Hyperakusist*. Aber dann kam die Belohnung: eine leckere Tasse Kaffee! Mmmmmmmmmmmmmmm …..

Ohne Maschine
Und dann geschah das Schicksal. Maschine kaputt. Aus mit dem Spass. Plötzlich hörte sie auf. Wie konnte das sein? Ich hatte mich immer gut um die Maschine gekümmert und sie gepflegt. Was sollte ich jetzt tun? Ich habe einige Versuche unternommen, um die Machine wieder zum Laufen zu bringen, natürlich mit Hilfe vom Internet. Leider umsonst.

Aber ich hatte noch irgendwo Papierfilter, zum Glück. Und es gab eine Bohnenmühle mit Pendel als Schmuck auf dem Schrank. Sie wurde gut entstaubt und sofort in Betrieb genommen.

Vorläufig stelle ich den Wasserkocher morgens und abends auf. Ohne Pfeife! Und jetzt mahle ich die Bohnen selbst. Von Hand. Mit der Bohnenmühle mit Pendel. Das macht viel weniger Lärm, muss ich sagen. Und es ist ein bewusstseinvoller Moment, zweimal täglich. Ein Moment der Meditation. Sich mit der Bohnenmühle zwischen die Knie setzen. Und einfach drehen. Auch ein tolles Training.

Und danach ist da der Genuss einer frischen Tasse Kaffee, köstlicher Kaffee. Mmmmmmmmmmmmmmm ….. !

* Hyperakusis, wörtlich „Ich höre zu viel“, ist ein Zustand, in dem man gegenüber normalen Alltagsgeräuschen überempfindlich ist. Alles klingt zu laut. „Der Lautstärkeknopf der Umgebungsgeräusche steht für jemanden mit Hyperakusis, der dauerhaft auf zu hoher Stufe steht“ (Quelle: Stiftung Hoormij).
Hyperakusis tritt in vielen Formen auf. Für mich sind besonders hohe Frequenzen sehr ärgerlich und verletzen meinen Kopf. Ich habe auch Tinnitus. Die Konzentration ist schwieriger und die Konzentration auf eine Schallquelle ist schwieriger.

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Akustiker, Alter, Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung

Disklaimer


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Neulich hat in den Niederlanden eine Kette von Hörgeräteakustikern von sich Reden lassen mit einer Werbung, leider negativ. Das Video und die dazugehörende Bilder, zeigen eine ältere Dame vor einem Akustikerladen, und die gleiche Dame die als Teenager den Laden wieder verlässt.
Laut Akustikerketten, wollen sie die Zielgruppe der älteren hörbeeinträchtigten Menschen, die oft zu lange mit einem Hörgerät warten, erreichen. Dieser Schuss geht aber ganz nach hinten.
Erstens wird man mit einem Hörgerät nicht 50 Jahre jünger und schlanker, sonst wäre ich selbst schon seit etwa 35 Jahre schön und schlank. Zweitens, eine Hörbeeinträchtigung hat keine Altersgrenzen.

So eine Werbung verstärkt einmal wieder alle Klischees, Tabus und Stigmatisierungen über Hörbeeinträchtugung und Hörgeräte in einem. Dabei frage ich mich, warum das so sein muss.
Klar verstehe ich den Versuch, eine bestimmte Zielgruppe zu erreichen, aber diese Zielgruppe (oder andere) könnte man auch ganz anders angehen. So schwebt mir zum Beispiel einen Slogan vor Augen wie «Unsere Hörgeräte sind zu gut sie zu verstecken», oder «Wir lieben Hörgeräten die sich zeigen lassen können», oder «Hörgeräte kümmern sich nicht um das Alter, sondern um die Funktionalität».

Wie ich schon mal geschrieben habe (im Beitrag «Farbe bekennen»), senden die meisten Hörgerätewerbungen ein komplett falsches Signal, dass die Vorurteile der gut hörenden Menschen (hörbeeinträchtigte Menschen sind alt und für eine Hörbeeinträchtigung oder für Hörgeräte muss man sich schämen) nur bestätigt und macht alle Versuche zu einer Inklusion zunichte.

Warum investieren die Akustiker und Hörgerätehersteller nicht in einer Werbung die die Realität mehr entspricht und mit der sie ihre Hörgeräte trotzdem gut darstellen können.
Nein, liebe Akustiker und Hörgerätehersteller, mit einem Hörgerät «öffnet sich die Welt» nicht und kann man auch nicht wieder unbesorgt an Tischgespräche teilnehmen. Mit einem Hörgerät kann man höchstens wieder etwas besser verstehen, aber einmal ein hörbeeinträchtigter Mensch wird man mit Hörgerät vielleicht ein besser hörender Mensch, aber noch immer kein gut hörender Mensch.

Eigentlich braucht die Hörgeräte- oder Akustikerwerbung einen Disklaimer, wie bei Medikamentenwerbung. So in der Art wie «Unsere Hörgeräte sind Hilfsmittel und keine Wundermittel. Bei Zweifel, fragen Sie Ihren HNO-Arzt oder Akustiker».

So einen Disklaimer wäre nicht nur fair, sondern würde die Realität viel näher kommen. In der nächsten Zukunft sehe ich aber leider noch keine Änderung der Werbung und daher überlege ich mir ob es sich lohnen würde, eine Kampagne zu starten, die einen Disklaimer in der Hörgerätewerbung verpflichten sollte.
Was meinen Sie dazu, liebe Leserinnen und Leser? Ich nehme Ihre Rückmeldungen gerne entgegen.

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Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung

Die Loreley


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Bildquelle: Foto Autorin

Letztes Wochenende haben wir ein paar Tage in Deutschland verbracht und fast die Loreley besucht (wer die Geschichte der Loreley nicht kennt, kann sie gerne googeln, zum Beispiel auf «Mythos Loreley»).
Meine Mutter hatte Geburtstag und wir hatten uns darauf geeinigt, uns Halbwegs den Niederlanden und der Schweiz zu treffen.
Unser Hotel war direkt am Rhein und direkt der Loreley Felsen gegenüber gelegen und die Aussicht war wunderbar.

Am ersten Tag haben wir einen nostalgischen Rheinschifffahrt gemacht. Und mir fiel sofort auf, das alles, von Anlegestelle bis zum Schiff selbst, Rollstuhltauglich war. An Bord des Dampfschiffes war sogar einen Treppenlift anwesend. Für uns besonders angenehm, da meine Mutter, wenn sie unterwegs ist, einen Rollstuhl benutzt.
Einen Ringleitung gab es leider nicht, was für mich das Verstehen der Informationsdurchsagen unterwegs besonders erschwerte,
um so mehr da die ganze Zeit auch einen, zwar leisen, Hintergrundmusik tönte. Besser gesagt: ich konnte die Durchsagen kaum verstehen und musste regelmässig bei meinem Mann, Mutter oder Bruder nachfragen. Zum GLück ist das für uns nie ein Problem.
Immerhin haben wir den Tag und die Rheinschifffahrt besonders genossen!

Am zweiten Tag sind wir den Loreley Felsen hochgefahren. Dort gibt es ein Besucherzentrum und ein Landschafts- und Kulturpark. Auch hier war alles Rollstuhltauglich und konnten wir trotz Wetters angenehm spazieren und die wunderbare Aussicht geniessen.
Wir hatten gedacht, dass wir hier oben die Statue der Loreley sehen und bewundern konnten, wurden jedoch anders belehrt. Der Felsen war «nur» als Aussichtspunkt gedacht und die Statue der Loreley befindet sich … unten am Rhein auf einer Landzunge! Später sind wir dann mit dem Auto daran vorbei gefahren, konnten die Dame, weil es in dem Moment zu sehr regnete, leider keinen persönlichen Besuch abstatten. Aber,
als wir wussten wo sie stand, konnten wir die Loreley sogar von unserem Hotel aus sehen … ! Auf dem Bild hier oben, sehen Sie de blaue Fahne, dann einen Baum und vor dem Baum sitzt die Loreley: sie ist grau und hat eine Schutzfarbe.

Im Grossen und Ganzen eine schöne Erfahrung und einen schönen Geburtstag für meine Mutter.
Nur finde ich es etwas schade und eigentlich eine
verpasste Chance, das mit etwas mehr Mühe, d.h. mit einer Ringleitung oder einfach durch ein paar Exemplare der Text der Durchsagen auf Schrift in Deutsch und Englisch zur Verfügung zu stellen, wäre die Schifffahrt auch für hörbeeinträchtigten Menschen besser zugänglich gewesen. Schliesslich sind die Durchsagen Standard und die meisten Gästen waren den ganzen Mittag auf dem Schiff. Wenn man so sein Bestes tut ‹Behindertengerecht› zu sein, wäre das erst Recht Inklusion gewesen.

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Hörbeeinträchtigung

„Vom Arbeitsplatz erzählt“


In dieser Rubrik werden Alltagserfahrungen in der Arbeit oder am Arbeitsplatz mit einer Hörbeeinträchtigung geteilt.

Eine hörbeeinträchtigte Arbeitsvermittlerin und Jobcoach für hörbeeinträchtigte Menschen.
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Als Startschuss für diesen neuen Rubrik möchte ich etwas erzählen über meine Arbeit als Jobcoach.

Begleiten am Arbeitsplatz.
Als erstes hatte ich immer ein Gespräch mit dem Klienten und mit dem Arbeitgeber, dem direkten Chef und/oder Kollegen.
In diesen Gesprächen habe ich Informationen gesammelt. Zentral war für mich die Frage: Wo lagen, der Meinung der Betroffenen nach, die Probleme und vor allem: wo gab es keine Probleme und ging es gut?

Abhängig der der Lage und Ernst der Probleme, besuchte ich ein Mal pro Woche bis ein Mal pro 4 Wochen meinen Klienten am Arbeitsplatz .
Manchmal habe ich beim ersten Besuch einen Vortrag über Hörbeeinträchtigung gehalten oder meinem Klienten bei seinem Vortrag unterstützt. Wie geht man als Arbeitskollege damit um, oder wie kann man die Kommunikation verbessern.
Manchmal aber auch genügten nur Gespräche mit dem Klienten. Im Gespräch wurde klar wie der Klient am Arbeitsplatz funktionierte, ob Absprachen eingehalten wurden oder nicht und ob noch etwas korrigiert oder gelernt werden musste. Falls nötig wurden Kollegen angesprochen oder andere Massnahmen getroffen.
Manchmal habe ich auch erst ein paar mal observiert.

Meistens aber habe ich auch mitgearbeitet. Einfach die gleiche Arbeit gemacht wie meine Klienten. Aus dieser Erfahrung habe ich bemerkt, dass ich beim Mitarbeiten meistens besser einschätzen konnte, wie der Klient funktionierte, ich konnte besser einspielen auf das was gut ging und konnte der Klient auch besser korrigieren oder etwas beibringen. Arbeitskollegen konnte ich oft erklären wie sie das Aufgaben erteilen an meinem Klienten verbessern oder der Arbeitsumgebung anpassen konnten.

Auch habe ich ab und zu in Rollenspielen Situationen geübt, damit der Klient lernen konnte besser mit bestimmte Situationen um zu gehen.
Manchmal habe ich die Rollenspielen auch auf Video aufgenommen, und mit meinem Klienten zusammen angeschaut. Dies war oft sehr überraschend, weil es dem Klienten meistens zeigte was in solche Situationen mit ihm geschah und wie das seine Auswirkung hatte auf seinen Arbeitskollegen.

Zu Anpassungen am Arbeitsplatz (Hilfsmittel zur Verbesserung der Sicherheit oder Kommunikation) habe ich ebenfalls beraten. Ein Beispiel dazu ist, ein Lehrer dem der Geräusch in der Schule wegen seiner Hyperakkusis besonders störte. In diesem Fall habe ich vorgeschlagen im Schulzimmer wo er am meisten unterrichtete Bodenteppich zu legen, Vorhänge aufzuhängen und, so weit es ginge, der Wand zu schmücken.

Jobcoaching mit Hörbeeinträchtigung
Als Jobcoach hatte ich eigentlich nie das Gefühl das meine eigene Hörbeeinträchtigung mich in meiner Arbeit beeinträchtigt hat. Im Gegenteil, ich habe sie immer als Vorteil betrachtet, weil meine Klienten mich meistens, als gleichbetroffene, Vertrauen entgegenbrachten und ich Arbeitgeber auch aus eigener Erfahrung gut übermitteln konnte was eine Hörbeeinträchtigung bedeutete.
Mir war auch Bewusst, dass ich für Klienten und Arbeitgeber nicht „nur“ Jobcoach war, sondern auch eine Beispielfunktion hatte.

Als nach einem Hörsturz mein Gehör verschlechterte, konnte ich noch immer meine Arbeit nachgehen, sie kostete mir aber viel mehr Energie als vorher. Vor allem telefonieren und Sitzungen wurden anstrengender.
Mein Arbeitgeber hat sich sehr bemüht mich an meinem Arbeitsplatz so optimal wie möglich zu unterstützen. So erhielt ich für Sitzungen und Gespräche ein Hilfsmittel und teilte ich ein Bürozimmer mit nur einer Kollegin, statt 2 KollegInnen.
Diese Massnahmen waren zwar gut und nützlich, reichten für mich aber noch nicht aus. Die Wochenenden waren zu kurz um mich zu erholen und schliesslich habe ich mich dafür entschieden, statt Vollzeit nur 4 Tage zu arbeiten, bis zu meinem Umzug in die Schweiz.

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Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung, Hyperakusis, Laut, Tinnitus

„Marga hört zu viel“


Hyperakusis, Überempfindlichkeit gegen Lärm, ist allgemein weniger bekannt als Tinnitus, aber es gibt viele Menschen, die mehr oder weniger stark darunter leiden.

In diesem Rubrik «Marga hört zu viel!»  schreibt Marga van Hintum regelmässig über ihre Erfahrungen mit Hyperacusis.

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Ex – Musikerin mit viel zu guten Ohren
Diesmal möchte ich Ihnen mehr über mein früheres Leben erzählen, als ich noch keine Hyperakusis* hatte. Jetzt, 4 Jahre später, kann ich ziemlich gut darüber schreiben. Ich kann jetzt etwas mehr Distanz nehmen. Manchmal ist es immer noch schwer. Aber die Zeit scheint alle Wunden zu heilen.

In meinem Berufsleben mache ich seit mehr als 30 Jahren Musik. Als Musikerin, mit guten Ohren. Als Lehrerin und als Performerin. Als aufführende Sängerin, allein, mit einem Pianisten oder mit einer Begleitcombo. Darüber hinaus habe ich als Lehrmusikerin Menschen von 8 bis 80 Jahren unterrichtet. Und im wahrsten Sinne des Wortes. Mein ältester Schüler war bereits 80 Jahre alt, als er schließlich seinen Gesangsunterricht einstellen musste.

Debüt im Zug
Musik spielte in meinem Leben schon in jungen Jahren eine große Rolle. Als Kleinkind hatte ich mein Debüt im Zug. Meine Mutter und ich gingen auf eine lange Reise. Die Zugkabine bestand aus Coupé-Elementen mit Gepäckablagen über den Bänken. So konnten man frei sitzen, ohne Blick auf den vorderen oder hinteren Nachbarn. Ein gelangweiltes Kind wird etwas tun. In meinem Fall: Singen. Natürlich. Was den sonst …..

Alle Kinderlieder in meinem Repertoire sind wohl an der Reihe gekommen. Wahrscheinlich vertraute Lieder. So bekannt, dass ein Mitreisender, ein kräftiger Mann mit einer sehr schweren Stimme, plötzlich anfing, hinter mir mit zu singen. Das hat mich erschreckt!

Die Musik spielte weiterhin eine wichtige Rolle, lange Zeit war sie ein sehr wichtiges Hobby. Nach der Ausbildung zur Grundschullehrerin ging ich beruflich in die Musik. Zum Konservatorium. Klassischer Gesang. Ich habe später Jazz studiert. Und so wurde ich Musikerin, mit diesen guten Ohren.

Ich atmete Musik ein.
Musik war nicht nur ein Beruf, sie war ein sehr großer Teil meines Lebens. Ich stand damit auf und ging damit ins Bett. Ich aß und trank Musik. Ich war Musik. Ich atmete Musik ein!

Ich spreche in der Vergangenheitsform. Denn dann plötzlich, dann gab es eine Hyperakusis* in meinem Leben. Und Tinnitus. Letzteres fand ich nicht so ernst. Ich kannte das Phänomen des Tinnitus bereits. Als Sängerin kannte ich das schon aus meinem Beruf. Aber Hyperakusis, das war neu für mich. Neu und vor allem extrem beängstigend. Wie ist es dazu gekommen? Was konnte ich tun? Wird es wieder vorbei gehen? Würde das Konsequenzen für mein Leben als Musikerin haben? Und was soll ich tun? Darf ich trotzdem auftreten? Kann ich trotzdem unterrichten? Könnte ich noch selbst singen?

Der Tinnitus war deutlich weniger wichtig als die Hyperakusis. Ich könnte damit umgehen, wenn es bleibend wäre. Der Tinnitus blieb tatsächlich bestehen. Die Hyperakusis blieb ebenfalls bestehen.
Ich musste aufhören zu singen und aufhören zu unterrichten. Ich wurde eine ehemalige Musikerin, mit viel zu guten Ohren. Ich konnte nicht mehr auf meine eigene Stimme hören. Lautes Reden tat mir schon weh in meinem Kopf. Mein vor dieser Zeit gut artikuliertes “ s “ musste ich fortan anders aussprechen, sanfter, weicher. Seitdem lisple ich ein wenig.

Und ich konnte keine Musik mehr hören. Fast alle Stimmen und viele Instrumente klangen jetzt viel zu scharf. Sie durchbohrten meinen Kopf wie Dolche. Außerdem konnte ich mich nicht gut und lange konzentrieren. Alles, was ich tat, erforderte viel mehr Zeit und Mühe als zuvor.

Keine Musik mehr
Als ich plötzlich keine Musik mehr machen konnte, war das ein großer Schlag. Es war ein direkter Angriff auf meine Seele, auf mein Wesen. Zuerst trauerte ich eine Weile. Ich war sehr traurig. Und wütend, furios! Warum ist mir das passiert? Warum gerade ich, die Musikerin? Wenn bei einem „normalen“ Menschen sein Leben schon auf dem Kopf stehen würde; ich erfuhr das in meinem Fall noch als viel schlimmer! Keine Musik mehr, kein Singen mehr. Nicht mehr in der Lage zu sein, in der Musik zu arbeiten. Kein Musik hören mehr. Nur sehr leise. Aber das war gar nichts. Denn Musik hören bei Lautstärke 3 (von 30) ist wirklich keine Lösung. Man verpasst drei Viertel. Und wenn außerdem viele Stimmen und Instrumente noch zu schrill und schmerzhaft klingen….

Dann musste ich es akzeptieren. Mich gewöhnen an eine andere Interpretation meines Lebens. Gewöhnung an ein Leben ohne Arbeit, ohne Bühne. Um sich an alle Arten von Anpassungen zu gewöhnen, die notwendig waren. Benötigt, um das Leben lebenswert zu halten. Gewöhnen an ein begrenztes soziales Leben, einen kleineren Kreis. Um sich an ein Leben zu gewöhnen, das hauptsächlich zu Hause stattfand. Mit einem ruhigen Hobby statt einem lauten Beruf.

Und was ist mit jetzt?
Es dauerte einige Zeit, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Nach 4 Jahren habe ich meinen Dreh im Leben gefunden. Manchmal ist es immer noch schwierig. Ein kleiner Trigger kann zu einem enormen Weinkrampf führen. Aber ich mache weiter, ich muss es tun, oder?

Ich schreibe ab und zu. Kurze Stücke. Für dieses Medium. Und für mich selbst. Früher, als Student, dachte ich, dass das Schreiben von Essays ein echte Krimi ist! Ich fand es schrecklich. Ich konnte nicht viel dagegen tun. Es gab viele Ideen, aber dann wurde es so schlecht zu Papier gebracht! Das wurde mit mehreren Thesen glücklicherweise besser. Und jetzt schreibe ich wirklich gerne. Es dauert sehr lange. Ich lese und lese es nochmals. Aber es macht mich jetzt spass. Ein Mensch kann sich ändern …

Und jetzt verbringe ich meine Tage mit viel Lärm. Vor allem das Geräusch des Tinnitus in meinen Ohren, das immer da ist. Außerdem der Klang von allem um mich herum, was unvermeidlich ist. Und das sollte ich auch nicht vermeiden. Das kommt manchmal überwältigend laut und schmerzhaft auf mich zu. Und Ton von Radio, TV und Apps auf meinem mp3, als Hintergrundrauschen. Denn in Stille zu leben, ist nicht gut. Besonders nicht für eine Mensch mit Hyperakusis!


* Hyperakusis, wörtlich „Ich höre zu viel“, ist ein Zustand, in dem man gegenüber normalen Alltagsgeräuschen überempfindlich ist. Alles klingt zu laut. „Der Lautstärkeknopf der Umgebungsgeräusche steht für jemanden mit Hyperakusis, der dauerhaft auf zu hoher Stufe steht“ (Quelle: Stiftung Hoormij).

Hyperakusis tritt in vielen Formen auf. Für mich sind besonders hohe Frequenzen sehr ärgerlich und verletzen meinen Kopf. Ich habe auch Tinnitus. Die Konzentration ist schwieriger und die Konzentration auf eine Schallquelle ist schwieriger.

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Auditive Herausforderung, Hörbeeinträchtigung, Hyperakusis, Tinnitus

„Marga hört zu viel!“


Hyperakusis, Überempfindlichkeit gegen Lärm, ist allgemein weniger bekannt als Tinnitus, aber es gibt viele Menschen, die mehr oder weniger stark darunter leiden.

In diesem Rubrik «Marga hört zu viel!»  schreibt Marga van Hintum regelmässig über ihre Erfahrungen mit Hyperacusis.

20190319_083851.jpgFrühling im Gemüsegarten
Sie lachen mich an, diese kleinen inie Mini-Pflanzen. Aus Salat, Tomaten, Paprika, Pfeffer und Hülsen. Sie lachen mich anh. Sie leuchten und glänzen auf der Fensterbank. Draußen ist es für meine Kleinen noch viel zu kalt. Zu kalt und zu windig heutzutage. Sie würden so wegfliegen. Zu schade, oder?
Im Moment sind sie warm, trocken und so sonnig wie möglich. Ich schaue sie jeden Tag an, sie können mir nicht schnell genug wachsen. Ich spreche sie liebevoll an. Und ab und zu bekommen sie etwas Wasser. Lauwarmes Wasser, weil ich die Kleinen nicht erschrecken will! Sie sehen zufrieden aus. Und so sollte es auch sein.

Wenn das Wetter besser und vor allem wichtiger ist, wenn es nicht mehr friert, können die Kleinen nach draußen gehen. Draußen spielen und in die Pubertät kommen. Schön wachsen. Und Früchte tragen. Damit wir sie beim Knabbern genießen können! Ein wenig grausamer Gedanke ist es. Aber gut, sie hatten ein gutes Leben, sehr gut. Viel besser und viel liebevoller geht es kaum.

Durch das Tun lernt man
Ein Haus mit Garten. Mir hätte früher so was nicht gefallen. Niemals auch Zeit dafür gehabt. Ich habe schon immer in einer Wohnung gelebt. Aber vor ein paar Jahren waren wir auf der Suche nach einem größeren Haus. Und zufällig hatte dieses Haus einen großen Ziergarten, zumindest für großstädtische Konzepte. Bis dahin hätte ich noch nie etwas im Garten gemacht. Und hatte weder grüne Gene noch grüne Finger. Aber von einem Tag auf den anderen musste ich beschneiden, graben, pflanzen und jäten.
Das Haus war wunderschön, es hat uns sehr gut gefallen. Dieser Garten, das haben wir akzeptiert. Teil des Deals.
Etwas ist in den ersten Jahren leider gestorben. Aber wenn man es tut, lernt man. Und dann kam der Gemüsegarten wieder in Mode! Wir begannen mit einer bescheidenen Ecke mit etwas Salat, Rucola und Schnittlauch. Es schmeckte nach mehr. Und so gewann der Gemüsegarten im Laufe der Jahre heimlich jedes Jahr etwas mehr an Boden. Und durch das Tun habe ich gelernt.

Da waren Tomaten, oh so köstlich. Und Hülsen, auch so lecker, wenn sie frisch von ihrem eigenen Boden kommen! Ich habe immer mehr Spaß dabei. Die Peperoni und Pfeffer erwiesen sich als großartig in einem heißen Sommer. Auch die Gurkenpflanze, die Albert Heijn (Niederländischer Supermarkt – RI) im Rahmen der Gemüsegartenkampagne kostenlos zur Verfügung stellte, profitierte im vergangenen Jahr enorm von der Hitze.

Am Sonntagmorgen
Da ich Hyperakusis* habe, arbeite ich viel im Innenbereich. Es scheint ein Widerspruch zu sein, aber es kann, drinnen. Und draußen kann ich das besonders am Sonntagmorgen tun. Ich habe schon mal darüber geschrieben. Unter der Woche ist es für uns viel zu laut. Vor allem aus dem Stadtverkehr. Den ganzen Tag lang, leider. Aber am Sonntagmorgen ist es dann ruhig. Und dann hoffe ich, dass auch die Vögel ausschlafen. Und solange sich die Vögel anderswo entspannen, kann ich es in unserem Gemüsegarten tun.

Im frühen Frühjahr habe ich bereits damit begonnen, einen Plan zu erstellen. Was werde ich säen, wann und wo wird es sein. Weil eine Kultur nicht immer am gleichen Ort sein darf; dann wächst sie nicht gut. Und dann, ab Februar, beginnt die Große Aussaat. Drinnen, auf der Fensterbank.
Und da sind sie nun, schön und warm. Ich schätze sie, die Babys. Ich gebe ihnen eine gute Portion Liebe, meine kleinen Pflanzen. Und ich freue mich heimlich auf die Ernte. Lecker!

* Hyperakusis, wörtlich „Ich höre zu viel“, ist ein Zustand, in dem man gegenüber normalen Alltagsgeräuschen überempfindlich ist. Alles klingt zu laut. „Der Lautstärkeknopf der Umgebungsgeräusche steht für jemanden mit Hyperakusis, der dauerhaft auf zu hoher Stufe steht“ (Quelle: Stiftung Hoormij).
Hyperakusis tritt in vielen Formen auf. Für mich sind besonders hohe Frequenzen sehr ärgerlich und verletzen meinen Kopf. Ich habe auch Tinnitus. Die Konzentration ist schwieriger und die Konzentration auf eine Schallquelle ist schwieriger.

 

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