Gastbeitrag: Konzerte


Auf meiner Bitte, heute einen Gastbeitrag  von Sorina Löser aus Wien!

Quelle: Foto Sorina Löser, Konzert von Patent Ochsner im Berner Bierhübeli im März 2016
volume.at, Konzert in der Wiener Arena im November 2013

Was passiert in meinem sogenannten Alltag, wenn ich nicht meiner dienstvertraglichen Verpflichtung nachgehe oder für meine berufliche Weiterbildung lerne? Lesen, Schreiben, in den Wald gehen, in meinem zweiten Wohnzimmer mit einem lieben Menschen zu philosophieren, andere liebe Bekannte im Rahmen der gemeinsamen Konzerte zu treffen und schließlich die Konzerte selbst zu besuchen.

Ich kenne eigentlich keinen einzigen offiziell hörbeeinträchtigten Menschen, der wie ich regelmäßig auf Konzerte geht. Seit wenigen Jahren beträgt mein Schnitt bei 50 Konzerte pro Jahr.

Zunächst möchte ich differenzieren, was ich mit „Konzerte“ meine. Sind das die klassischen Aufführungen mit Streicher und einem Dirigenten auf dem Podest, wie man es stereotypisch von der Walzerstadt Wien kennt oder diese in den riesigen Hallen und Fußballstadien, wo die Musik, falls man dort Musik vermuten würde, wummernd und breiig aus den riesigen Lautsprechern dröhnt?

Diese Art von Konzerte besuche ich nicht wirklich. Klassische Streichermusik habe ich dreimal im Rahmen der Sommernachtskonzerte sommernachtskonzert.at mit den Wiener Philharmonikern im Schlosspark Schönbrunn erlebt und Bruce Springsteen zuliebe suche ich die Stadien auf. (Und war sogar zweimal im Zürcher Letzigrund! Unter anderem!)

Mir sind Veranstaltungsstätten lieber, wo man nicht zu weit weg von den Musikanten sitzen muss, wo noch eine gewisse Nähe zu diesen besteht und man auch das Gefühl hat, man sitzt und erlebt das Konzert „mittendrin“. So suche ich gern Spielstätten auf, die eine überschaubare Zahl an Zuhören umfassen kann. (Nehmen wir als Richtwert 250 Besucher.) Ich erlebte auch des Öfteren wunderbare Konzerte, wo man die Zahl der Konzertbesucher nur an beiden Händen abzählen konnte. Solche Spielstätten sorgen auch dafür, dass es nicht zu laut wird – obwohl Lautstärke auch subjektiv empfunden werden kann. Ich erinnere mich nur an ganz wenige Konzerte, wo ich mit einem dröhnenden Schädel – ausgelöst durch die schlechte Beschallung! – die Spielstätte verließ und das letzte Mal ist zum Glück auch ein paar Jahre her.

Auch hängt es oft von meinem eigenen Zustand ab, wie ich die Konzerte empfinde bzw wie sie auf mich einwirken. Aber bis heute habe ich keine geeigneten Rezepte gefunden, in welcher Stimmung ich wann auf ein Konzert gehen soll. Oft ging ich mit weniger vorbelasteten Gefühlen auf Konzerten und da hatte ich Schwierigkeiten, den Moderationen der Musikanten zwischendurch folgen zu können und ich hatte nicht wenige schöne, prägende Konzerterlebnisse, wo es mir vorher einfach nur bescheiden ging und ich glaubte, ich würde von diesem Abend nichts und wieder nichts haben. Und nicht immer hängt es mit der Akustik des Veranstaltungsortes zusammen! (Die Ergebnisse kann man in den diversen Konzertberichten, die ich in meinem Blog schreibe, nachlesen.)

Auch auf Konzerten sind Hören und Verstehen zweierlei. Bei meinen Konzertbesuchen habe ich immer die Hörgeräte in meinen Ohren. Ich stelle die Hörsysteme nicht lauter und auch nicht leiser. Ich schalte die Geräte nur auf den Musikmodus um. Einmal erlebte ich ein Konzert, wo ich mich dazu gezwungen sah, die Hörgeräte herauszunehmen. Es war nachher immer noch laut genug. Aber ich wollte den Auftritt der österreichischen Springsteen-Coverband nicht vorzeitig verlassen. Ich konnte auch ohne meine technischen Horcher die Lieder erkennen und mitsingen.

Was das Hören der einzelnen Instrumente betrifft: Ich bin keine Kennerin bzw beherrsche selbst kein Musikinstrument (abgesehen vom nicht ergiebigen Blockflöte-Unterricht in der Volksschule und das Jammen auf meinen Spielzeuggitarren damals in meinem Kinderzimmer), geschweige denn kann ich Noten lesen und bin nicht wirklich in der Lage, Musikstücke wissenschaftlich zu sezieren. Da sind Konzerte sehr hilfreich, weil ich die einzelnen Musiker im Einsatz sehe und somit ihre Instrumente zuordnen kann.

Kommen wir zum Verstehen. Das ist immer eine spannende Sache. Vor allem bei Liedern, die mir nicht geläufig sind oder wenn die Musikanten zwischendurch reden. Ich unternehme mit meinem Gehör ständig Gratwanderungen, bei mehr als nur Konzentration schwanke ich zwischen 100 und 100 plus Prozent. Dennoch lache ich oft nicht mit, wenn der Musikant da vorne witzig ist (egal, in welcher Sprache er spricht), auch weigere ich mich häufig, zu applaudieren, nur weil der Rest des Publikums die Ansprache des Musikanten anerkennen muss.

Damit kann ich leben.

Der Horror bei den Konzerten ist aber – und diese Szenarien erlebe ich bei fast jedem Konzertbesuch: Scheinbar desinteressierter Teil des Publikums tauscht länger als zwei Minuten Privatgespräche aus, anstatt den Musikanten zu zulauschen. Und wenn diese Gruppe sich in meiner Nähe aufhält, ist mein Gehör – vor allem mein rechtes, weil das bessere – total irritiert. Kann sich nicht mehr auf die Live-Musik konzentrieren. Wird ständig von diesem Geplapper gestört. Manchmal suche ich dann das Weite, ein anderes Mal weise ich dieses Volk auf den Missstand hin (situationsbedingt, ob ich freundlich bin oder nicht) und werde leider sehr oft mit Unverständnis entgegnet. Aber ich schweife vom eigentlichen Thema ab… nur, es fällt mir schwer, Nebengeräusche auszufiltern. Das funktioniert bei mir nicht so gut. Auch haben einige meiner Konzertfreunde sehr bald begriffen, dass sie bei mir überhaupt keine Chance haben, wenn sie mir während des Konzerts etwas in mein Ohr flüstern. Geh, weg damit! Flüstern schadet ohnehin den Stimmbändern! Sollte ein vergesslicher Mensch mir tatsächlich etwas ins Ohr flüstern wollen (und das auch noch auf einem Konzert), weise ich ihn darauf hin, dass er mir in der Pause oder nach dem Konzert etwas sagen soll. Oder schreiben. Ein mobiles Telefon mit Textfunktion hat ja fast jeder. Aber wie ist das mit dem Verstehen der Musikanten auf der Bühne? Ich fange oft nur Satzbrocken, zusammenhanglose Wörter auf und oft ertappe ich mich dabei, dass ich daraus etwas Verkehrtes konstruiere … ich weiß es deshalb, weil ich manchmal den Mut besitze, meine Konzertbegleiter zu fragen, worüber eigentlich gesprochen wurde. Aber es kommt immer auf die Konzertbegleiter an. Einige sind mir vertraut, sie kann ich problemlos fragen, andere kenne ich zwar auch schon länger, aber sie kann ich nicht näher mit einbeziehen.

Auf Konzerte zu gehen, Konzerte zu besuchen, Konzerte zu erleben, macht mir viel Freude. Die Dosen an Live-Musik, die ich verschrieben bekomme, tun mir gut. Es ist auch schön, zu diesen Anlässen die Konzertfreunde zu sehen, die ich im Laufe meiner Konzertbesuche kennengelernt habe. Und bei vielen von denen überschneiden sich unsere Musikgeschmäcker, so dass wir uns auf diversen Konzerten begegnen.

Es ist für mich eine Art der Sozialisation. Ich habe Gelegenheit, vor, in den Pausen und nach den Konzerten, mich mit ihnen auszutauschen. Das ist meine Art des Fortgehens und ich schätze es, dass ich mich in diesen Situationen unter diesen Menschen sehr oft wohl fühle und ich mir nicht als schwerhörige Exotin vorkomme, sondern als eine von ihnen.

Sorina Löser

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4 Gedanken zu “Gastbeitrag: Konzerte

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