Mein erstes Hörgerät


Mein erstes Hörgerät
Quelle: Foto Autorin

Manchmal, wenn es so einen regnerischen Tag ist wie heute und ich keine Termine habe, benutze ich die Zeit für etwas Nachdenken. Denn Nachdenken klärt, wie bekanntlich, den Kopf. Und da ich mich neulich in einem neuen Prozess befinde, die Entscheidung ob ich ein CI beantragen will oder warte bis mein Gehör sich verschlechtert, kehren meine Gedanken fast automatisch zurück zu den Tagen vor und mit mein erstes Hörgerät.

Die erste Zeichen waren schon da, wurden aber erst bei meinem ersten Hörgerät klar. So habe ich als Schülerin anfänglich gerne Musik gehört beim Studieren. Oft habe ich Musik von der Schallplatte auf die damalige Kassetten kopiert, weil das einfacher war. Mein Bruder hat mich dann ab und zu mal gefragt, weshalb ich die Aufnahmen immer so frühzeitig beendet habe. Ich habe diese Frage nie richtig verstanden, weil es für mich, als ich die Aufnahme beendete, einfach kein Ton mehr gab. Erst als ich mein erstes Hörgerät hatte, wurde alles klar! Mein Bruder hatte Recht: die Ton der Musik ist  meistens noch sehr leise ausgegangen, aber so leise dass ich es nicht mehr gehört habe.
Als der HNO-Arzt zum ersten Mal ein Hörgerät erwähnte, war ich geschockt. Das brauchte ich doch nicht! Ich hörte nur etwas weniger … Aber ich wollte nach meinem Schulabschluss studieren und konnte ich in den Hörsäle mitkommen? Schlussendlich hat mein Vernunft über meine Gefühle gesiegt, nicht ganz ohne Hilfe meiner Eltern 😉

Der erster Gang zum Akustiker war für mich schwer und es war nur gut, das meine Mutter dabei war, sonst wäre ich vielleicht an dem Laden vorbei gelaufen …
Auch kann ich mich noch sehr gut an die erste Erfahrungen mit meinem ersten Hörgerät erinnern: so hörte ich auf den Weg zur Bushaltestelle auf einmal ticken, das aufhörte wenn ich stillstand und anfing wenn ich wieder weiterging. Und raten Sie mal was es war … mein Regenschirm! Hatte ich vorher noch nicht gehört, oder der Ton war übertönt worden. Oder ich hörte auf einmal ein Uhr ticken, die ich vorher nicht hörte. Eine richtige Entdeckungsreise also. Auch konnte meine Mutter mich bei der Treppe rufen, und ich konnte es oben in meinem Zimmer hören, was vorher meistens nicht der Fall war.

Ein Moment, den ich aber auch nie vergessen werde, war als ich am Bahnhof gerade noch meinen Zug erreichen wollte und ich anfing zu rennen. Es war, als ob ich nicht vorwärts kam, als ob ich von meinem Hörgerät blockiert wurde. Natürlich war das rein zwischen den Ohren, und nicht drin! Ein Zeichen, dass ich mein Hörgerät noch nicht akzeptiert hatte. Später wurde das besser, aber es hat lange gedauert bis ich meine Hörgeräte, geschweige mein Hörverlust, wirklich akzeptierte.

Später kam ein zweites Hörgerät dazu. Die Worte der Ohrenärztin damals waren: „Warum nehmen Sie nicht auch Links ein Hörgerät? Ihr Gehör im linken Ohr ist fast genau so schlecht wie im rechten Ohr“. Au! Das tat weh, war aber weniger eingreifend wie das erste Hörgerät.
Die psychologische Hürde war beim ersten Hörgerät überwunden, jetzt war das zweite ein weitere Ergänzung.
Dann kam in 2007 der Phase der Hinter-dem-Ohr Geräte, wovon ich mir immer geschworen hatte „das nicht“ … Bei diesem Gehörsturz hatte ich aber keine Wahl. Fast ein Jahr habe ich um mein Gehörverlust getrauert und alle Phasen eines Trauerprozesses durchlaufen. Aber das Leben ging weiter, und ich auch, nur ein bisschen stärker.

Und jetzt also eine weitere Phase, die Möglichkeit einer CI. Keine leichte Entscheidung, aber ich bin zuversichtlich mit der Zeit auch in diesem Prozess wieder ein bisschen stärker raus zu kommen. Es gibt immerhin noch schlimmeres in der Welt.

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2 Gedanken zu “Mein erstes Hörgerät

  1. Meine Schwerhörigkeit ist eine andere – ich habe sie von Geburt an und kenne es nicht anders. Genauso wie ich es auch nicht anders kenne, Hörgeräte zu tragen. Sie sind ein Teil meines Lebens. Mit mir, mit meinem Leben verwoben.
    CI-Träger habe ich auch in meinem Bekanntenkreis und so wie ich den Großteil dieser Bekannten einschätze, sind sie zufrieden mit dem CI und haben ihre Entscheidung nicht bereut. Ich habe das „Glück“, dass ich noch kein CI brauche. Mein Hörverlust bleibt konstant *aufsholzklopf* – aber sollte es hart auf hart ankommen, würde ich auch nicht auf das Hören verzichten wollen, auch wenn ich in manchen Momenten die Stille sehr schätze. (Oder leere Hörgerätebatterien – die erste Hälfte meines heutigen Arbeitstages habe ich mit „gedämpften“ Hören verbracht. Komischerweise hat mich das gar nicht gestört.)
    Für Deine Entscheidungsfindung drücke ich Dir die Daumen!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deine Antwort Sori! Ich gebe dir Recht, es macht schon unterschied ob man ab Geburt Hörbeeinträchtigt wird oder später. Ich weiss zwar nicht mehr wie es ist gut zu hören, aber ich weiss schon dass ich besser gehört habe. Wegen meiner Tinnitus, die stärker wird bei Stille, habe ich lieber ein wenig Geräusch um mich herum ;-). Ich lasse mir mit meiner Entscheidung noch ein wenig Zeit um es mir gut zu überlegen. Kommt gut, wie die Entscheidung auch ist.

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